Interview mit den Herausgebern von "Diversity Management" – Manfred Becker und Alina Seidel

Managementbuch-Review: Welche Unterschiede sind für das Diversity Management im deutschsprachigen Raum im Gegensatz zu den USA im Moment besonders relevant: eher solche der Kultur und der Herkunft oder solche von Alter und Geschlecht?

Manfred Becker:In Nordamerika beziehen sich die Ansätze zum Diversity Management vor allem auf die Anerkennungsbegehren und Gleichbehandlungsvorstellungen der Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre. In Europa und namentlich in Deutschland wurde das Konzept erst in den 90er- Jahren zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen, politischer Diskurse und zu einem Gestaltungs- und Aushandlungsobjekt für Verwaltungen und Unternehmen. Die Problematisierung und Differenzierung ist hierzulande also bei weitem noch nicht so fortgeschritten wie in Nordamerika.
Erste Ansätze im Deutschland der 90er-Jahre (Frauenförderungspläne, Aufmerksamkeit gegenüber Mobbing und anderen Diskriminierungsformen) standen zunächst noch im Schatten der neuen sozialen Bewegungen der 80er-Jahre. Weitere Anstöße gingen ebenfalls in den 90er-Jahren von verschiedenen Akteuren der Wirtschaft aus, und zwar einerseits von multinational operierenden Unternehmen, andererseits von Firmen aus dem Bereich der New Economy, namentlich im Medien- und IT-Bereich.

Managementbuch-Review: Spielen ethische oder politische Überzeugungen der Verantwortlichen Ihrer Erfahrung nach überhaupt eine Rolle bei der Entscheidung, in Diversity Management zu investieren? Oder sind diese lediglich im Kontext einer auf Imagegewinn zielenden Kalkulation relevant?

Manfred Becker:Ethisch-politische Überzeugungen und eine grundlegende Theoriediskussion bilden das notwendige Fundament für die Anerkennung und eine konfliktarme Nutzung von Vielfalt. Die Betrachtung von Diversität als Ressource und, damit verbunden, die strategische Ausrichtung des Diversity Managements auf die Unternehmensziele sind betriebswirtschaftliche Fixpunkte, die die Vielfalt in Unternehmen ökonomisch „legalisieren“.

Managementbuch-Review: Wo innerhalb der Struktur einer Organisation ist das Diversity Management angesiedelt? Und welche Befugnisse brauchen Diversity Manager, um ihre Ziele erreichen zu können?

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Manfred Becker:Diversity Management ist Aufgabe des Top-Managements, das die Richtung und die Ziele vorgibt, sowie aller Führungskräfte, die dafür sorgen, dass sie über die richtige Mischung von Humanvermögen zur Erreichung ihrer Ziele verfügen. Aber letztlich ist auch jeder Mitarbeiter der Diversity Manager seines eigenen Humanvermögens. Bei einigen Unternehmen, die Diversity Management in ihre Unternehmensstrategie integriert haben, wurde eine eigenständige Funktion eingerichtet, die direkt an die Geschäftsführung berichtet und damit im Blickfeld des oberen Managements steht.
Ein Beispiel der gelungenen Anbindung des Diversity Managements an die Unternehmensstrategie ist die Funktion „Diversity & Inclusion“ bei BP.

Managementbuch-Review: Wie wichtig sind die nach außen gerichteten Aktivitäten für ein insgesamt schlüssiges Diversity Management?

Diversity Management ist eines der zentralen Themen des Personalmarketings der nächsten Jahre: denn während die „Kinderbetreuungsfrage“ noch nicht geklärt ist, rollt bereits die nächste Betreuungswelle auf uns zu: unsere Alten. Es gibt schon Stimmen, die nach Seniorenkrippen rufen.

Diversity Management (Schäffer-Poeschel Verlag, 435 Seiten, gebunden)

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