Wenn es mehr Fettleibige auf dem Planeten gibt, als Hungernde, heißt es umdenken

David Bosshart ruft das „Age of Less“ aus. Das Zeitalter, in dem wir Überflüssiges weglassen, zugunsten der Qualität auf Masse verzichten und lernen, nachhaltig zu wirtschaften. „The Age of Less“ ist gleichzeitig Titel der Essaysammlung, in der Bosshart die Gedanken auffächert, die seiner Diagnose zugrunde liegen. Dabei lässt er offen, inwieweit „wir“ bereits im „Age of Less“ angekommen sind, und inwieweit es gilt, das „Age of Less“ zu verwirklichen. Aber er sagt klar, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Wenn es mehr Fettleibige auf dem Planeten gibt, als Hungernde, stehen wir, so Bosshart, vor Problemen, die sich mit noch mehr Arbeit, noch mehr Produkten, noch mehr Konsum nicht lösen lassen.

120 Milliarden mal Hühnchen mit Reis, bitte

Mit dem „wir“, das sich durch das gesamte Buch zieht („wir“ haben viel, „wir“ müssen uns künftig mit weniger bescheiden, „wir“ müssen uns ändern …), zeigt er die Perspektive, aus der er schreibt. Die des gut situierten Bewohners der westlichen Welt, in der „die Armutsgrenze beim hochauflösenden TV angekommen ist“. Eigentlich kein Grund für eine Kehrtwende, wenn es allen prima geht. Was aber, so fragt Bosshart, wenn es uns die „Emerging Nations“ gleichtun? Wenn die Inder anfangen, ihren Pro-Kopf Energieverbrauch auf das deutsche oder gar amerikanische Niveau hochzuschrauben? Oder wenn die Asiaten demnächst Ihren Appetit auf Hühnchen genau so ungezügelt stillen wie die US-Amerikaner, die mit ihren heute neun Milliarden Hühnern pro Jahr dann kein nennenswerter Absatzmarkt mehr wären? Denn 2050, so errechnet Bosshart, ließen sich die Asiaten dann gigantische 120 Milliarden Hühner pro Jahr schmecken. Keine Aufgabe für den Bauernhof um die Ecke.

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Es geht auch anders

Aber nicht nur die Emerging Nations lassen die Alarmlampen blinken. Ökologische wie ökonomische Katastrophen zwingen zur Kursänderung. Nun ruft der Chef des renommierten Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Zürich nicht einfach „Stopp!“. Er will mit seinem Buch zeigen, dass es auch anders geht. Dass Wohlstand auch möglich ist, ohne dass wir die Zukunft aufs Spiel setzen. Dass nachhaltige Produktion möglich ist, ohne vom Weltmarkt abgekoppelt zu werden. Und dass Globalisierung nicht zwingend dazu führen muss, dass die einen den Reichtum für die anderen produzieren. Anhand wichtiger Zeitströmungen zeigt Bosshart, dass wichtige erste Schritte schon gemacht sind. Er nimmt die Sensibilisierung für ethische und ökologische Bedingungen bei der Nahrungsmittel- und Konsumgüterproduktion als Beispiel oder die Ausrichtung vieler Unternehmen an neuen Nachhaltigkeitsstandards. Gleichzeitig zeigt er auf, was es sowohl für jeden Einzelnen als auch für Unternehmen noch zu tun gibt.

Wir schaffen das

„The Age of Less“ ist kein Buch aus einem Guss. Es liefert weder eine Theorie noch ein Programm. Aber dafür eine Menge Denkanstöße, überraschende Analysen und viele kreative Handlungsvorschläge. Bosshart appelliert an den Einzelnen, lässt es nicht zu, die Verantwortung auf „die anderen“, den Staat oder die Gesellschaft zu schieben. „Wir sind quasi zur Freiheit verurteilt“, schreibt Bosshart deshalb auch konsequent und fordert „uns“ auf, diese Freiheit zu nutzen. Managementbuch.de – Fazit: Lesenswert, weil Bosshart nah am Puls aktueller Entwicklungen schreibt. Und vor allem, weil er sich nicht auf die Seite jener schlägt, die pauschal das Weltende verkünden, wenn „wir“ nicht absolut radikal und sofort dies und jenes tun. Andererseits lässt er auch konsequent die Trickkiste mit vermeintlich einfachen Lösungen zu. Vielmehr setzt er auf den Grips eines jeden Einzelnen. Mögen daraus die viel beschworenen Schwarmeffekte hervorgehen. Oder, wie Bob, der Baumeister sagen würde: „Wir schaffen das!“

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Wolfgang Hanfstein, www.Managementbuch.de

Zum Buch
>> David Bosshart: The Age of Less. Die neue Wohlstandsformel der westlichen Welt. Murmann Verlag. September 2011

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