Gesund und glücklich alt werden

Das Race Across America (RAAM) ist der härteste Extremsportwettbewerb. Dagegen nimmt sich der Hawaii-Ironman Triathlon ein wenig wie ein Kindergeburtstag aus. Ziel ist es, die 4.800 km zwischen den beiden nordamerikanischen Küsten mit insgesamt 30.000 m Höhendifferenz möglichst schnell mit dem Rad zu fahren. Etwa die Hälfte der Teilnehmenden kommen gar nicht an. Michael Nehls hat dieses Rennen 2008 mit einer außergewöhnlichen Strategie bewältigt. Die klassische Rennstrategie ist so simpel wie gefährlich: Fahre möglichst lange und schlafe so kurz wie möglich. Durchschnittlich schlafen die Fahrer und Fahrerinnen 2 Stunden täglich. Michael Nehls hingegen kam mit sensationellen 6 Stunden Schlaf am Tag als Siebter durchs Ziel und erhielt eine Auszeichnung als derjenige Teilnehmer, der in der Geschichte des Rennens am meisten geschlafen hat.

Vom Savannenläufer zum Schreibtischtäter

Nehls ist Molekulargenetiker, hat eine Karriere in der Forschung und als CEO eines Biotech-Unternehmens gemacht und arbeitet heute als Autor und Filmproduzent. In seinem Buch fasst er seine Erkenntnisse und Erfahrungen als Extremsportler und Wissenschaftler zusammen. Er beantwortet die Frage, wie wir gesund alt werden und dabei glücklich sein können und warum das so ist. Neben seinen eigenen Erfahrungen schöpft er seine Erkenntnisse aus der Paläomedizin. Denn wir leben im Körper von steinzeitlichen Menschen, die als Jägerinnen und Sammler durch die afrikanischen Savannen gezogen sind. Unser biologisches System wurde in Hunderttausenden von Jahren für diese Lebensbedingungen optimiert und hat sich seit unserer Sesshaftwerdung mit der Erfindung des Ackerbaus vor 10 – 15.000 Jahren kaum verändert.

Vorbild Okinawa

Neben der Paläomedizin zieht Nehls noch ein anderes Forschungsfeld heran: die Menschen auf der japanischen Insel Okinawa. Bemerkenswert: In Japan werden doppelt so viele Menschen über 100 Jahre alt wie bei uns. Und in Okinawa sind es sogar fünfmal so viele, die nicht nur außergewöhnlich alt werden, sondern das auch bei außergewöhnlich guter Gesundheit. Seit 1975 wird das sogenannte Okinawa Phänomen im Auftrag des japanischen Gesundheitsministeriums erforscht. Alle Studien belegen, dass wir es sich weder mit einem Langlebigkeits-Gen noch mit der besonderen Magie des Ortes zu tun haben. Das Geheimnis der Menschen von Okinawa ist – so fasst Nehls die Ergebnisse zusammen – nichts anderes als eine „ganzheitliche Lebensphilosophie“, die eine Vielzahl von einzelnen Aspekten im synergetischen Zusammenspiel integriert: eben die Methusalem-Formel.

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Ein offenes Geheimnis

Es sind ziemlich einfache Elemente, die wir im Prinzip alle kennen: eine sinnvolle Lebensaufgabe zu haben, in guten und vielfältigen Beziehungen mit anderen zu sein, ausreichender Schlaf, viel Bewegung, eher wenig zu essen (vor allem wenig Fleisch und Fett, statt dessen viel Gemüse und Obst) und ohne Hektik und Stress zu leben.

Todesursache Zivilisation

Auch wenn wir heute, zumindest in unseren Breiten, nicht mehr gefährdet sind, zu verhungern, zu erfrieren oder von wilden Tieren gefressen zu werden und sich deshalb die Lebenserwartung drastisch erhöht hat: Wir sterben viel zu früh, das letzte Drittel des Lebens ist oft von Dauersiechtum gekennzeichnet. Nehls spricht gar von einem „Massensterben“ und benennt Zivilisationserkrankungen als Haupttodesursache in den reichsten Ländern der Welt. In der Folge explodieren die Gesundheitskosten. Paradoxerweise geben wir gigantische Summen für die Entwicklung neuer Therapien aus, für die es eigentlich gar keine Patienten geben dürfte.

Verstand allein reicht nicht. Man muss ihn auch nutzen

Nehls doktert nicht an den Symptomen herum, sondert greift zum großen Philosophen Immanuel Kant: „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Denn unsere Malaise, so Nehls, resultiert nicht aus einem Mangel an Verstand, sondern aus einem Mangel an Mut. Der Wahlspruch der Aufklärung sei unvermindert aktuell. Zwar hätten die Autoritäten, mit denen sich Kant herumschlug, allen voran Klerus und Obrigkeit, in den letzten zweihundert Jahren ihre Macht verloren. Aber an ihre Stelle sind die neuen Mächte getreten, allen voran die moderne Konsumgesellschaft, die Kartelle der Nahrungsmittelkonzerne und der medizinisch-technische Komplex. Michael Nehls ist kein Missionar, man muss ihm nicht in allem folgen. Aber sein Buch ist eine anregende und aufregende Lektüre in Sachen Eigenverantwortung. In diesem Sinne: sapere aude!

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Dr. Birgit Bosold, www.Roter-Reiter.de

 

Michael Nehls: Die Methusalem-Strategie. Mental Enterprises.

mehr Infos zu >> “ Die Methusalem-Strategie“ bei Managementbuch.de

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