"Sit down and shut up"

Wochenzeitungen fabulieren vom „Bodybuilding fürs Gehirn“ und Verlagswerbungen vom „Geheimnis“ der Top-Manager, Seminarhäuser bieten Meditationsseminare für gestresste Führungskräfte und Neuropsychologen weisen die positiven Wirkungen empirisch nach: Die Rede ist vom Meditieren. Dass sich die Kraft der Stille positiv auf Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Stressresistenz auswirkt und zur viel beschworenen „work-life-balance“ einen herausragenden Beitrag leisten kann, hat sich auch in der Wirtschaftswelt herumgesprochen. Aber worum geht es beim Meditieren, genauer worum geht es bei Zen, der klassischen, aus dem japanischen Buddhismus kommenden und im Westen wohl am meisten verbreiteten kontemplativen Praxis?

Vom Monsterfilmer zum Zen-Meister

Der ordinierte Zen-Lehrer Brad Warner erklärt das in seinem in der 2. Auflage erschienenen Buch mit einem spannend und witzig erzählten, mit markigen Sprüchen garnierten, aber gleichwohl durch und durch seriösen spirituellen Roadmovie allen, die es wirklich wissen wollen. Warner, 1964 in den USA geboren, hatte schon in jungen Jahren als mittelmäßig erfolgreicher Punkmusiker erste Kontakte mit dem Zen. Später setzte er seine Ausbildung in Japan, wo er mehr als 10 Jahre lebte und in seinem „Traumjob“ in der Produktion von japanischen Monsterfilmen arbeitete, unter dem bekannten Zenlehrer Gudo Nishijima Roshi fort und wurde von ihm schließlich zum Zen-Meister ernannt. Heute lebt er in den USA als freier Autor und Zenlehrer.

Philosophie in Aktion

Die schlechte Nachricht zuerst: Es geht nicht um ein spirituelles Wellness-Erlebnis oder um irgendwelche höheren Bewusstseins-Zustände, es geht auch nicht um eine angenehme Alpha-Hirnwellen-Trance und schon gar nicht um Erleuchtung. „Zazen sitzen heißt, mit dem Kopf gegen die Wand vor dir zu knallen, wenn du dich nicht länger gegen’s Einschlafen wehren kannst.“ Es heißt, zu erleben, dass das Hirn voll mit Gedanken ist, die so langweilig und redundant sind, dass man es kaum glauben mag, es heißt, dass die Knie unerträglich schmerzen und es heißt, dass die Zeit nicht vergeht, auch wenn man noch so oft auf die Uhr starrt. Kurz: „In Zazen sitzen ist Schmerz und Langeweile.“ Genau das! Eine durch und durch öde Übung. Und jetzt die guten Nachrichten: Sie wirkt. Auch wenn sich die Ergebnisse nur langsam zeigen. „Lass Dir versichern, dass du durch Rumsitzen und Anstarren von weißen Wänden alles verwandeln kannst. Alles.“ Und die Übung ist einfach. Sie brauchen nur ein Sitzkissen. Es ist eine Praxis, keine Lehre, eine „philosophy of action“, wie Warner es ausdrückt. Wir brauchen an nichts zu glauben, keine heiligen Schriften zu studieren, keine Gesetze zu befolgen, keine Autorität anzuerkennen. „Wir glauben bloß an die Wirklichkeit. Bloß das hier.“

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Das Leben findet jetzt statt

Die Übung bringt, so beschreibt Warner ihre Wirkung, uns mit uns selbst in Berührung, sie lehrt uns, der Wirklichkeit zuzuhören, lehrt uns zu begreifen, dass unser kleines, gewöhnliches, ödes Leben so erstaunlich und verblüffend wie erfreulich und beglückend ist und zu genießen, was (wirklich) ist. Das ist Warners Version von Erleuchtung, „das Gewöhnlichste vom Gewöhnlichsten“: „Dein Leben ist deins allein, und dein Leben zu verpassen, ist das Tragischste, was passieren kann.“ Oder wie Woody Allens Figur Cloquet es schon wusste: „Er hasste die Wirklichkeit, doch ihm war klar, dass sie immer noch der einzige Ort war, an dem man ein gutes Steak bekam.“ Also: Sit down and shut up, probieren Sie es aus!

Dr. Birgit Bosold, www.Roter-Reiter.de

 

Brad Warner „Hardcore Zen“. Kamphausen Verlag.

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