Wie die Türken wurden, was sie sind und welche Lehren Manager aus 600 Jahren osmanischer Geschichte ziehen sollten

Zugegeben, es ist ein großes Unterfangen, auf das sich der schweizer Weiterbildungs- und Managementexperte Albert Stähli eingelassen hat. Auf knapp 200 Seiten seines neuen, im Frankfurter Allgemeine Buchverlag erschienen Buches „Die Osmanen – 700 Jahre türkische Größe und Großmannssucht“ skizziert er die Geschichte der Osmanen. Vom „Aluah Akbar“ Ruf Osman Gazis über den Aufstieg zum dominierenden Weltreich bis zum Zusammenbruch und zur Gründung der modernen Türkei am Anfang des letzten Jahrhunderts. Damit nicht genug stellt Stähli im letzten Fünftel des Buches fünf Thesen auf, entlang derer Manager erfolgskritische Faktoren vor diesem gewalteigen historischen Panorama prüfen können.

Die Türken und Europa – eine komplizierte Beziehungsgeschichte

Es ist ein kleines Buch, das zur richtigen Zeit erscheint. Denn es zeigt auch, auf welchem Fundament die aktuelle türkische Politik fußt. Es wird deutlich, wie viel Sentiment, wie viele Kränkungen und welche Machterfahrungen im kollektiven Gedächtnis der Türken verankert sein müssen. Ein ganz zentrales Moment nimmt hier bis heute die Auseinandersetzung mit Europa ein. Und damit die Fragen: dazugehören oder abschotten? Angreifen oder kooperieren? Aber längst stehen die Türken nicht mehr vor Wien sondern sie leben mitten in Wien. Oder in Berlin, in Duisburg oder in Harsewinkel. Und trotzdem sind sie bis heute „das andere“, gehören als Türkei noch immer nicht „dazu“. Das kann man gutheißen oder kritisieren, zumindest aber muss man diese jahrhundertealte Konfliktlinie kennen – und auch dazu leistet die Albert Stähli einen guten Beitrag.

Was können Manager aus der osmanischen Geschichte lernen?

Wie erklärt sich nun die Geschichte des osmanischen Reiches mit ihren vielen Aufs- und Abs? Wie haben es die Nachfolger Osmans geschafft, das zum Teil riesengroße Reich fast 700 Jahre zusammenzuhalten? Was waren die Gründe für die zum Teil lebensbedrohlichen Krisen. Wie lässt sich am Ende das Scheitern erklären und „Wiedergeburt“ durch die Jungtürken? Diesen Fragen geht Stähli nicht als Historiker nach, sondern als Managementberater. Ihn interessiert, ob Manager aus der Geschichte der Osmanen Lehren für die Steuerung ihrer Unternehmen ziehen können, und wenn ja, welche. Stähli stellt dazu folgende Thesen auf:

  1. Ohne Integrationsmaßnahmen kann man ein multikulturelles Gebilde nur durch ständiges Wachstum zusammenhalten. Allerdings nur für eine begrenzte Zeit.
  2. Fehlender Finanzsachverstand treibt Länder wie Unternehmen in den Ruin – oder in die Abhängigkeit von fremden Geldgebern, was über kurz oder lang zum selben Ergebnis führt
  3. Eine gut ausgebildete Verstandes- und Wissenschaftselite aus den eigenen Reihen hält Ideologen und Religionseiferer im Zaum
  4. Traditionsbewusstsein ist gut. Aber starres Verhalten an überkommenen Werten, Organisationen und Techniken versperrt den Weg in die Zukunft
  5. Nicht nur einzelne Menschen, sondern die ganze Menschheit profitiert vom Austausch. Selbstgewählte Isolation führt ins Hintertreffen.
  6. Die Unternehmensstrategie auf den Prüfstand stellen
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Alle fünf Thesen unterfüttert Stähli mit aktuellen und historischen Beispielen. Und er regt zum Nachdenken an. Ist es besser, Führungskräfte von außen dazu zu holen – oder führt die Rekrutierung aus den eigenen Reihen zu besseren Ergebnissen? Interessant auch die Parallelen zwischen VW, einem automobilen Weltreich, und den Osmanen. Besiegelt das Festhalten am Bekannten über kurz oder lang den Untergang? Schafft VW die Wende zur Elektromobilität? Oder kommt der Modernisierungsschub wie bei den Osmanen, zu spät? Stähli liefert also keine Rezepte – weil er als Managementexperte auch weiß, dass es die nicht gibt. Was Manager brauchen, sind Impulse, entlang derer sie das eigene Handeln überprüfen und aus neuer Perspektive betrachten können. „Die Osmanen“ von Albert Stähli liefert viele solcher wertvolleren Impulse.

Management-Journal-Fazit: Ein kleines Buch, das an einem Abend gelesen werden kann. Es wird aufmerksame Leser aber wesentlich länger beschäftigen. Zielgruppe sind Geschäftsführer und Manager sowie Führungskräfte, die in die Entwicklung der Unternehmensstrategie eingebunden sind. Sie erhalten in diesem Buch wertvolle „Denk-Hinweise“. Und nebenbei einen profunden Überblick über den Aufstieg und Untergang eines Weltreichs. Mögen Sie die richtigen Lehren daraus ziehen.

Wolfgang Hanfstein

Albert Stähli: Die Osmanen, Frankfurter Allgemeine Buch, 2017.

Die Osmanen

Die Osmanen
10

Lesbarkeit

10/10

Nutzwert

10/10

Anspruch

10/10

Pros

  • Gut geschrieben
  • Liefert viele Impulse zum Nachdenken

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