„Radikal führen“ von Reinhard K. Sprenger setzt Denkmuster und Handlungsroutinen in Brand

Man muss sich durch eine ganze Menge an unbewiesenen Behauptungen kämpfen, bevor Reinhard Sprenger in seinem Buch „Radikal führen“ zu Potte kommt. „Warum scheitern so viele Initiativen zum Change-Management, warum gelingt der Wandel nicht?“, fragt er zum Beispiel. Keine Belege, keine Namen, keine Zahlen. Welche Initiativen sind gescheitert? Welcher Wandel gelingt nicht? (Das Buch kam im Herbst 2012 auf den Markt, zumindest da brummte die deutsche Wirtschaft.) Stattdessen dekoriert Sprenger seine einleitenden Gedanken mit Verweisen auf den Modephilosophen Giorgio Agamben. Oder betätigt sich als Sprachrohr Martin Heideggers: „Führung ist – so hätte es der Philosoph Martin Heidegger gesagt – …“. Heidegger kann sich nicht wehren. Aber wir können weiterblättern.

Her mit den Kundenproblemen

Und dann, endlich, hat sich Reinhard K. Sprenger warm geschrieben. Sprengers Thema ist „Führung“, worunter er genauso die Führung von Personen versteht, wie auch die Modellierung der strukturellen Bedingungen im Unternehmen. Mitarbeiterführung also, die im Kontext der Unternehmensführung gedacht wird. Das ist kreativ und gibt selbst vermeintlichen Selbstverständlichkeiten neue Energie. Die Idee zum Beispiel, das ganze Unternehmen auf die „Probleme der Kunden“ auszurichten bettet er systemisch ein. Und Reinhard K. Sprenger zeigt, was passieren muss, damit „Kundenorientierung“ keine Worthülse bleibt. Denn Voraussetzung für Kundenorientierung ist eine Unternehmensumgebung, die es schafft, „ein Problem als gemeinsames Problem zu präsentieren“. Und wer ein gemeinsames Problem beackert, wird auch gemeinsam erfolgreich sein. Und um gemeinsamen Erfolg zu erleben, sind Entlohnungssysteme wichtig, die den gemeinsamen Anteil am Erfolg auch abbilden. Eine klare Absage gegen riesige Managergehälter, denn „kein Mensch kann mit Wirklichkeitssinn behaupten, dass ein Manager mehr Wert schöpft als 100, 200 oder 300 seiner Mitarbeiter“. Auch ein schönes Beispiel für Sprengers systemisches Denken: Kundenorientierung mit dem Gehaltsgefälle im Unternehmen kurzzuschließen.

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Wen haben Sie eingestellt, der Sie in Ihrer Karriere überholt hat?

Kein Wunder, dass Reinhard K. Sprenger auch die Personalrekrutierung auf neue Füße stellen will. Statt nach Stärken und Schwächen zu fragen (die in unterschiedlichen Organisationen sowieso völlig unterschiedlich zur Geltung kommen) rät er, Kooperationsbereitschaften zu erkunden. „Wem waren Sie in Ihrer Karriere nützlich? Wen haben Sie eingestellt, der Sie in Ihrer Karriere überholt hat? Welchen Wert wollen Sie für Ihre Kollegen schaffen?“ Und auch Mitarbeitergesprächen gibt er durch intelligente Fragen einen interessanten Dreh: „Welche Ihrer Neigungen und Fähigkeiten bleiben gegenwärtig ungenutzt? Stellen Sie sich vor, unser Unternehmen würde auf der grünen Wiese neu gegründet: Auf welchen Job würden Sie sich gerne bewerben?“ Freilich würde der Methodenskeptiker Sprenger so etwas nie ein „Mitarbeitergespräch“ nennen. Eher eine Haltung in der Form „Schenken Sie Lebenszeit. Bleiben Sie in Kontakt“.

Störer rein

Gegen Ende von Sprengers Buch „Radikal führen“ gibt es ein kurzes Kapitel, mit „Störung“ überschrieben. Sprenger verweist darin auf seine These, wonach „Führung einen Störungsauftrag hat“. Diese Störungen sollen das Unternehmen herausfordern, ein „Andersmachen zur Verfügung zu stellen“. Mit dem Auftrag, das Unternehmen zu Änderungen anzuregen oder aber, genauso wichtig, den Status quo beizubehalten und umso selbstbewusster zu vertreten. Es ist dieses Kapitel, in dem auch Sprengers eigener „Auftrag“ sehr klar durchscheint: dem Management Störquellen zur Verfügung zu stellen. Zum Beispiel mit diesem Buch.

Reinhard K. Sprenger fordert in „Radikal führen“ Vorfahrt für den gesunden Menschenverstand

Roter-Reiter.de – Fazit: Sprenger tritt in „Radikal führen“ an, dem Thema Führung auf den Grund zu gehen. Dazu kartografiert er das Gebiet in die fünf Kernbereiche Zusammenarbeit organisieren, Transaktionskosten senken, Konflikte entscheiden, Zukunftsfähigkeit sichern und Mitarbeiter führen. Das klingt nach Systematik und Wissenschaft – ist aber weder das eine noch das andere. Denn Sprengers Referenz ist seine Erfahrung als Berater. Vor allem aber der gesunde Menschenverstand. Und genau darin liegt auch Sprengers Bedeutung für das Management: Im ungenierten Hinterfragen und Bloßstellen von Methoden und Routinen. Im Insistieren auf das Gespräch, ohne daraus ein ritualisiertes Mitarbeitergespräch zu machen. Oder eben im Anmahnen des gesunden Menschenverstandes. Dafür nehmen wir billigend in Kauf, dass er sich in „Radikal führen“ erst mal in Rage reden muss. Und dass er anstatt eines Grundlagenwerkes einen gut und spannend geschriebenen Essay voller Zuspitzungen und vor allem voller guter Ideen abgeliefert hat.

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Ein guter Überblick

Wolfgang Hanfstein, www.Roter-Reiter.de

Reinhard K. Sprenger: Radikal führen. Campus 2012

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